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SOVEREIGNTYBALANE
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9. August 2026 · 5 Min. Lesezeit

Europäisch ist kein Zustand, sondern ein Abonnement

ownCloud, DRACOON, Pipedrive, Affinity, MariaDB, Silo AI — europäische Softwaregeschichte, gelesen als Eigentümerwechsel. Warum die Frage nach dem Firmensitz die falsche ist und welche stattdessen zählt.


Die Frage, die uns in Beratungsgesprächen am häufigsten gestellt wird, lautet: „Ist dieser Anbieter europäisch?" Sie ist verständlich, sie ist gut gemeint — und sie ist die falsche Frage. Nicht weil die Antwort unwichtig wäre, sondern weil sie ein Haltbarkeitsdatum hat, das niemand kennt.

Drei Wochen, drei europäische Anbieter

Im November 2023 übernahm das kalifornische Unternehmen Kiteworks innerhalb weniger Wochen drei Anbieter: die ownCloud GmbH aus Nürnberg, die DRACOON GmbH aus Regensburg und Maytech aus Großbritannien. Drei Namen, die bis dahin auf jeder deutschen Liste sicherer Ablage-Alternativen standen. Nach der Übernahme unterliegen die Muttergesellschaften US-Recht — mit allem, was daran hängt, vom US CLOUD Act bis zur Exportkontrolle.

Wer 2022 eine Beschaffungsentscheidung mit dem Argument „deutscher Hersteller" begründet hat, hatte recht. Wer dieselbe Entscheidung 2024 verteidigen musste, stand mit leeren Händen da.

Das Muster ist älter und größer

Der Fall ist kein Ausrutscher. Er ist die Regel, nur selten so verdichtet.

Pipedrive, 2010 in Tartu gegründet und lange als estnisches Vorzeigeprodukt gehandelt, holte sich im November 2020 eine Mehrheitsbeteiligung von Vista Equity Partners aus Texas. Der Hauptsitz liegt heute in New York. Auf europäischen Alternativlisten steht das CRM trotzdem bis heute.

Affinity, die britische Werkzeugsammlung, mit der eine ganze Generation von Gestaltern dem Adobe-Abonnement entkommen ist, ging im März 2024 für rund 380 Millionen Dollar an Canva nach Australien.

MariaDB — hervorgegangen aus MySQL, finnische Wurzeln, irische Börsennotierung — wurde im September 2024 von K1 Investment Management aus Kalifornien vollständig übernommen und von der Börse genommen. Der Kaufpreis lag bei etwa 37 Millionen Dollar. Für eine Datenbank, auf der ein erheblicher Teil des europäischen Mittelstands läuft.

Silo AI aus Helsinki, zum Zeitpunkt der Übernahme das größte private KI-Forschungsinstitut Europas, wurde im Juli 2024 von AMD für 665 Millionen Dollar gekauft.

Vier Jahre, fünf Fälle, ein Muster.

Nov 2020 Pipedrive (EE) Mehrheit an Vista Equity Partners, Texas Nov 2023 ownCloud + DRACOON (DE) an Kiteworks, Kalifornien Mrz 2024 Affinity (UK) an Canva, Australien Jul 2024 Silo AI (FI) an AMD, Kalifornien Sep 2024 MariaDB (IE/FI) an K1 Investment Management, Kalifornien
Fünf Fälle in vier Jahren. Der Firmensitz beschreibt den Tag der Recherche, nicht die Eigenschaft eines Produkts.

Warum das passiert, ohne dass jemand böse ist

Europäische Software wird überwiegend mit Wagniskapital finanziert, und Wagniskapital braucht einen Ausstieg. Wer über die Summen verfügt, die bei einem solchen Ausstieg gezahlt werden, sitzt mehrheitlich in den Vereinigten Staaten. Das ist keine Verschwörung, sondern eine Kapitalstruktur. Sie wird sich nicht dadurch ändern, dass wir bessere Listen führen.

Daraus folgt: Der Firmensitz ist eine Momentaufnahme, kein Merkmal. Er beschreibt den Zustand am Tag der Recherche, nicht die Eigenschaft eines Produkts.

Was sich am Tag der Übernahme nicht ändert

Bei ownCloud blieb der Quellcode offen. Wer die Software selbst betrieb, konnte sie am Tag nach der Meldung weiterbetreiben, die Daten lagen weiterhin im eigenen Haus, und die Migration zu einem anderen Werkzeug war eine Terminfrage, keine Existenzfrage.

Bei einem geschlossenen Mietprodukt sieht derselbe Tag anders aus. Da ändert sich nichts an der Oberfläche und alles an der Rechtslage — und was Sie dagegen tun können, steht ausschließlich im Vertrag, den Sie vor drei Jahren unterschrieben haben.

Das ist der eigentliche Unterschied. Nicht die Flagge, sondern die Frage, wie teuer das Weggehen ist. Genau das beschreibt der Vendor Lock-in, und genau daran hängt jede belastbare Exit-Strategie.

Die drei Fragen, die wir stattdessen stellen

Erstens: Bekomme ich meine Daten heute vollständig heraus, ohne den Anbieter zu fragen? Nicht laut Vertrag, sondern in der Praxis. Einmal exportieren, den Export öffnen, prüfen, ob Anhänge, Verknüpfungen und Historie mitgekommen sind. Der EU Data Act hat die rechtliche Seite dieser Frage seit September 2025 erheblich verbessert. Er beantwortet aber nicht, ob Ihr Export brauchbar ist.

Zweitens: Kann jemand anderes das betreiben, wenn dieser Anbieter morgen verschwindet? Bei quelloffener, selbst betreibbarer Software lautet die Antwort ja, notfalls mit einem anderen Dienstleister. Bei einem offenen Format mit mehreren Anbietern am Markt ebenfalls. Sonst nicht. Offene Standards sind hier kein Ideal, sondern eine Versicherung.

Drittens: Was würde der Wechsel in Stunden kosten? Nicht in Euro — in Arbeitsstunden Ihrer Leute. Diese Zahl muss geschätzt und mindestens einmal an einem kleinen Teilbereich überprüft werden. Wer sie nicht kennt, kennt seine Verhandlungsposition bei der nächsten Preiserhöhung nicht.

Die unbequeme Rangfolge

Wenn man diese drei Fragen ernst nimmt, entsteht eine Reihenfolge, die manchem in unserer Branche nicht gefällt:

  1. 01Quelloffen und selbst betreibbar — unabhängig davon, wo der Hersteller sitzt.
  2. 02Offenes Format, mehrere Anbieter am Markt, dokumentierter Import.
  3. 03Europäischer Anbieter mit geschlossenem Format.
  4. 04Außereuropäischer Anbieter mit geschlossenem Format.

Punkt 1 steht über Punkt 3. Das heißt konkret: Ein in den USA entwickeltes, quelloffenes Werkzeug, das auf Ihrem eigenen Server läuft, ist in dieser Betrachtung besser als ein europäisches Mietprodukt, aus dem Sie ohne Herstellerhilfe nicht herauskommen. Das widerspricht dem Bauchgefühl. Es hält aber dem Fall stand, den wir gerade an fünf Beispielen durchgegangen sind.

Die Gegenprobe

Die Flagge allein trägt auch in die andere Richtung nicht. Delos Cloud ist eine SAP-Tochter, gebaut für die deutsche Verwaltung, betrieben von deutschem Personal — und technisch auf lizenzierter Microsoft-Azure-Technik. Die Souveränität entsteht dort aus Vertrag und Betriebsmodell, nicht aus unabhängiger Technologie. Das kann eine völlig richtige Entscheidung sein. Man sollte nur wissen, welche Art von Sicherheit man gekauft hat, bevor der Fall eintritt, in dem der Unterschied zählt.

Was wir Kunden konkret empfehlen

Führen Sie ein Eigentümerregister. Eine Tabelle, acht bis zwölf Zeilen, mehr braucht kein Unternehmen unter 250 Mitarbeitenden. Pro kritischem Werkzeug sechs Spalten: Produkt, Muttergesellschaft, Eigentümer, letzte Eigentumsänderung, Exportpfad, letzter erfolgreicher Testexport.

Zweimal im Jahr durchgehen. Der Aufwand liegt bei etwa neunzig Minuten. Die Handelsregisterauskunft ist öffentlich, die Investorenmeldung steht auf der Website des Käufers, und die Zeile „letzter erfolgreicher Testexport" sagt Ihnen mehr über Ihre Lage als jedes Zertifikat.

Wenn dabei herauskommt, dass drei Ihrer wichtigsten Werkzeuge in den letzten fünf Jahren den Eigentümer gewechselt haben, ist das kein Grund zur Panik. Es ist der Normalzustand — und der einzige belastbare Umgang damit ist, die Kosten des Weggehens zu kennen, bevor jemand anderes über den Preis des Bleibens entscheidet.

Quellen

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