Die Hyperscaler verlassen: der Server ist nie das Problem
Rechenleistung und Speicher gibt es in Europa zu vergleichbaren Preisen. Der Unterschied liegt im Katalog verwalteter Dienste — und genau der bestimmt Ihren Aufwand.
Die Rechnung, mit der Cloud-Wechsel meistens begründet werden, ist die falsche. Sie vergleicht Serverpreise, und dort sind europäische Anbieter seit Jahren konkurrenzfähig bis günstiger.
Der Aufwand steckt woanders: in den verwalteten Diensten. Warteschlangen, Datenbanken, Funktionen ohne eigenen Server, Identitätsverwaltung, Ereignisverarbeitung, Suchdienste — alles, was Sie beim einen Anbieter anklicken und beim anderen zusammenbauen.
Deshalb lautet die richtige erste Frage nicht „was kostet der Server?", sondern „wie viele verwaltete Dienste stehen auf unserer Rechnung, und für welche davon gibt es eine offene Entsprechung?"
Die Inventur
Nehmen Sie die letzte Monatsrechnung und schreiben Sie jede Position auf, die kein reiner Rechen-, Speicher- oder Übertragungsposten ist. Für jede notieren Sie zwei Dinge: Wofür wird sie benutzt, und gibt es dafür einen offenen Baustein, den man selbst betreiben kann?
Das Ergebnis ist ungefähr so verteilt: Ein Teil hat eine offensichtliche Entsprechung — Objektspeicher, Datenbanken, Nachrichtenwarteschlangen. Ein zweiter Teil hat eine, die Betriebsaufwand erzeugt, weil sie beim bisherigen Anbieter niemand pflegen musste. Und ein dritter, meist kleiner Teil ist echte Bindung: Dienste, für die es außerhalb dieses Anbieters nichts Gleichwertiges gibt.
Dieser dritte Teil ist Ihre eigentliche Entscheidung. Alles andere ist Arbeit mit einer Zahl davor.
Ein Vormittag genügt für diese Liste, und sie ist zugleich Ihre Aufwandsschätzung.
| Posten auf der Rechnung | Offene Entsprechung | Aufwand danach |
|---|---|---|
| Objektspeicher | S3-kompatibler Speicher, mehrere europäische Anbieter | gering |
| Verwaltete Datenbank | PostgreSQL, verwaltet oder selbst betrieben | mittel |
| Nachrichtenwarteschlange | NATS, RabbitMQ, Kafka | mittel |
| Funktionen ohne eigenen Server | Container mit Autoskalierung | mittel bis hoch |
| Identitätsverwaltung | Keycloak, Zitadel | mittel |
| Spezialdienst ohne Entsprechung | keine | Neubau — oder bewusst bleiben |
Was zur Auswahl steht
Hetzner (Deutschland) setzt den Preisanker, an dem sich alle messen lassen müssen. Der Katalog verwalteter Dienste ist schmal — wer heute drei Bausteine des Hyperscalers nutzt, baut hier selbst.
IONOS (Deutschland) betreibt eigene Rechenzentren, bietet S3-kompatiblen Objektspeicher, verwaltetes Kubernetes und ein BSI-C5-Testat.
StackIT (Deutschland) kommt aus einem Handelskonzern, der seine eigene IT so weit gebaut hat, dass er sie verkauft. Wer bei europäischer Infrastruktur nur an Förderprogramme denkt, übersieht, wo die Substanz entstanden ist.
OVHcloud (Frankreich) ist der größte europäische Anbieter — und der Fall, aus dem man am meisten lernt. Beim Brand in Straßburg 2021 verloren Kunden ohne standortübergreifende Sicherung ihre Daten. Georedundanz ist dort eine Bestellposition, kein Standard. Prüfen Sie das bei jedem Anbieter, auch bei den großen.
Scaleway (Frankreich), Exoscale (Schweiz), Cleura (Schweden), UpCloud (Finnland) und Elastx (Schweden) decken je nach Region und Anforderung den Rest ab.
Der Sonderfall, den man kennen sollte
Delos Cloud ist eine SAP-Tochter, gebaut für die deutsche Verwaltung, betrieben von deutschem Personal — und technisch auf lizenzierter Microsoft-Azure-Technik. Die Souveränität entsteht dort aus Vertrag und Betriebsmodell, nicht aus unabhängiger Technologie.
Das kann eine völlig richtige Entscheidung sein: Betriebsmodelle sind belastbar, und für viele Häuser ist die Vertrautheit der Plattform den Unterschied wert. Man sollte nur wissen, welche Art von Sicherheit man gekauft hat, bevor der Fall eintritt, in dem der Unterschied zählt — etwa bei Sanktionen oder Lizenzentzug. Diese Unterscheidung ist der Kern dessen, was eine Souveräne Cloud überhaupt bedeutet.
Was der Data Act daran ändert
Seit September 2025 sind Wechselentgelte für Datenverarbeitungsdienste auf die tatsächlich entstandenen Kosten begrenzt und entfallen ab Januar 2027 vollständig. Kündigungsfristen sind gedeckelt, für den Übergang gibt es geregelte Zeiträume, und Anbieter müssen mitwirken.
Die früher üblichen Datenausgangsgebühren, die einen Export schnell fünfstellig machten, sind damit als Argument erledigt. Wer heute mit „das können wir uns nicht leisten" gegen eine Prüfung argumentiert, rechnet mit Zahlen von vorgestern.
Der realistische Weg
Niemand zieht eine gewachsene Landschaft in einem Schritt um. Der übliche Weg ist ein zweiter Standort für einen abgegrenzten Teil — ein Dienst, eine Umgebung, ein Team —, betrieben parallel für ein Quartal.
Danach haben Sie drei Dinge: eine belastbare Aufwandszahl, eine Liste der Dienste, die echte Bindung erzeugen, und eine Verhandlungsposition beim nächsten Vertrag. Das dritte ist häufig mehr wert als die Einsparung.
Quellen
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